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Der Geburtsmodus beeinflusst die erste bakterielle Besiedlung

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ResearchBlogging.orgBakterien spielen für die menschliche Gesundheit eine grosse Rolle, deren tatsächliches Ausmaß sicherlich lange unterschätzt wurde. Bakterien sind erstmal Krankheitserreger – jedem ist die Infektion ein Begriff. Allerdings – ein Mensch ohne Bakterien wäre wohl kaum gesund, wenn überhaupt lebensfähig. Vielleicht wäre es also fairer von Gesundheitserregern zu sprechen… wie auch immer, jeder sollte wissen dass die eigenen Zellen hoffnungslos in der Unterzahl sind: Auf (und in) jedem Menschen leben 10 bis 100mal so viele Bakterienzellen wie der Mensch Körperzellen hat. Dass diese Übermacht Einfluss auf den Zustand der menschlichen Minderheit hat, ist dann irgendwie logisch.
Eine mikrobiologische Studie einer Gruppe von Autoren um Maria Dominguez-Bello von der Universität in San Juan (Puerto Rico) hat untersucht wie die ersten Bakterien zu uns finden und welchen Einfluss der Geburtsmodus (also Kaiserschnitt oder „normal-vaginal“) auf die erste Besiedlung hat.

Da der Mensch im Uterus steril heranwächst, findet der erste Kontakt bei der Geburt statt. Im Fall der vaginalen Geburt handelt sich in der Mehrzahl um Bakterien, die natürlicherweise im Geburtskanal der Mutter vorkommen. Dieser Lebensraum ist relativ speziell, so dass nur ein verhältnismässig schmales Spektrum an Arten als natürliche Erstbesiedler in Frage kommt (u.a. Lactobacillus).

Die Entwicklungen der modernen Medizin machen aber auch hier nicht halt – 2007 fanden mehr als 30% der Geburten in den USA per Kaiserschnitt statt. Man sieht also, ein großer Teil der heutzutage in Industrieländern entbundenen Kinder kommt mit den natürlichen Erstbesiedlern nicht mehr in Kontakt. Untersucht man nun die Bakterien auf diesen Neugeborenen, so findet man ein Artenspektrum welches dem der Haut der Mutter gleicht (u.a. Staphylococcus).

Während bei Erwachsenen jedes ‚Körperhabitat‘ ein eigenes, charakteristisches Bakterienspektrum aufweist – also im Magen ganz andere Bakterien leben als hinter den Ohren – ist dies bei den Neugeborenen nicht der Fall. Hier scheinen die jeweiligen Erstbesiedler unspezifisch alle Lebensräume zu besetzen, das erscheint ja auch völlig logisch. Sie haben ja keine Konkurrenz und können sich also erstmal ungestört breit machen.

Wir halten also fest: Der Geburtsmodus beeinflusst entscheidend die Zusammensetzung der Arten die den Säugling besiedeln.
Ein weiteres interessantes Ergebnis betrifft die Herkunft der Bakterien. Neben der Analyse des Artenspektrums haben die Autoren auch noch die Unterschiede in der Besiedlung zwischen verschiedenen Gruppen untersucht: Mutter und Säugling, Säuglinge mit gleichem Geburtsmodus und Säuglinge mit unterschiedlichen Modi. Mittels einer statistischen Methode auf die ich nicht näher eingehen werde (UniFrac distance metric), kann so bestimmt werden, wie stark sich die Artenspektren tatsächlich unterscheiden. Verglichen wurde jeweils mit den Bakterien der Mutter; und zwar der Vaginalflora bei normalen Geburten bzw. der Hautflora bei Kaiserschnitten.

Es zeigt sich, das bei normalen Geburten die Ähnlichkeit der Flora zwischen Mutter und eigenem Kind am grössten ist – es bestehen also grössere Unterschiede zwischen verschiedenen, normal geborenen Säuglingen als zwischen Mutter und Kind. Das ist soweit keine Überraschung, da das Artenspektrum eines Erwachsenen meist recht individuell und charakteristisch ist. Bei per Kaiserschnitt auf die Welt geholten Säuglingen sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Säuglingen allerdings nicht grösser als zwischen Mutter und eigenem Kind. Das liegt vermutlich daran, dass die Bakterien in diesen Fällen in deutlich geringerem Ausmaß von der Mutter stammen und vermehrt aus anderen Quellen (z.B. Krankenhausumgebung, Vater, medizin. Personal etc).

Wie sind die Ergebnisse nun einzuordnen? Wie eingangs bereits erwähnt, sind Bakterien für die Gesundheit von Bedeutung. Dies trifft sicher umso mehr auf Säuglinge zu, die ja noch nicht annähernd so immunkompetent wie Erwachsene sind… und im übrigen Immunkompetenz z.T. noch von ihrer Mutter über die Milch bekommen. Interessanter werden die Ergebnisse aber vor dem Hintergrund anderer Arbeiten: So kommen Infektionen mit Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (dem berüchtigten MRSA) deutlich häufiger bei per Kaiserschnitt geborenen Säuglingen vor (es sind 64-82% der Infektionen bei Säuglingen). Es ist anzunehmen, dass die natürliche Besiedlung einen Schutz vor schädlichen Keimen bietet, schon einfach weil diese sich dann nicht völlig konkurrenzlos ausbreiten können.
Weiterhin gibt es Hinweise dass sich die Ausbildung einer normalen bzw gesunden Darmflora bei Kaiserschnittgeburten verzögert. Dies betrifft einerseits die Verdauung (man bedenke die erste Nahrung) und hat andererseits auch Auswirkungen auf das Immunsystem. Es gibt Studien die darauf hinweisen dass per Kaiserschnitt geborene Kinder anfälliger für Allergien und Asthma sind.

Diese Untersuchung ist natürlich nur ein erster Schritt, dem weitere folgen müssen – nun, da man eine Vorstellung über die Anfänge der bakteriellen Besiedlung beim Menschen hat, kann die Entwicklung bis hin zu den stabilen, charakteristischen Artenspektren beim Erwachsenen genauer Untersucht werden.

Dominguez-Bello, M., Costello, E., Contreras, M., Magris, M., Hidalgo, G., Fierer, N., & Knight, R. (2010). Delivery mode shapes the acquisition and structure of the initial microbiota across multiple body habitats in newborns Proceedings of the National Academy of Sciences, 107 (26), 11971-11975 DOI: 10.1073/pnas.1002601107

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Autor: knackbock

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