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The world shall perish not for lack of wonders, but for lack of wonder – JBS Haldane

Tierische Alkoholiker

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ResearchBlogging.orgAlkohol… auf den ersten Blick ein rein menschlich-kulturelles Thema. Mich persönlich amüsiert immer, wie selbst in den entlegensten Winkeln der Erde noch sonstwas vergoren wird um eine lokale alkoholische ‚Spezialität‘ zu produzieren.

Zur Erklärung der menschlichen Alkohol-Affinität gibt es mehrere Theorien und Ansätze. Zum einen interferiert Ethanol mit verschiedenen Transmittersystemen im Gehirn, insbesondere solchen die mit dem Lernen in Verbindung stehen (für Fortgeschrittene: Ethanol ist ein GABA-Agonist und ein NMDA-Antagonist). Das mag einen Teil der Alkohol-Anfälligkeit ausmachen, wichtig ist hierbei dass eine evolutionäre Anpassung an höhere Alkoholdosen nicht stattfinden konnte, da es diese bis zur Erfindung des Brauens einfach nicht gab. Das spielt ebenso eine Rolle bei einem anderen Eklärungsansatz, der darauf abhebt das reife Früchte natürlicherweise etwas Alkohol enthalten. Alkohol ist also ein Indikator für eine lohnende Energiequelle (funktioniert ähnlich auch für Drosophila). Da es kaum natürlichen Quellen mit schädlichen Ethanol-Konzentrationen gibt, kann die Selektion eine maximale Aufnahme durchaus bevorzugen, ohne dass sich ein Schutz vor hohen Konzentrationen entwickeln müsste.
Eine dritte Hypothese besagt schlicht, dass die positiven Effekte moderaten Konsums die negativen überwiegen. Also im Prinzip das ‚gesunde‘ tägliche Glas Rotwein, das immer mal wieder durch die Medien geistert.

Bei solchen Fragestellungen ist es immer hilfreich, einen Blick in natürliche Systeme zu werfen. In diesem Fall wäre das also ein Säugetier mit regelmässigen Alkoholkonsum. Das gibt es allerdings nicht allzu oft – Alkohol gibt es in freier Wildbahn eben nicht an jeder Straßenecke, schon gar nicht in relevanten Konzentrationen. Wie immer in der Natur gibt es allerdings nichts, was es nicht gibt – man muss nur genau genug hinschauen.

Tatsächlich gibt es Säugetiere, die regelmässig Alkohol konsumieren, ja bei denen Alkohol einen festen Bestandteil im Speiseplan zu haben scheint. Zum Beispiel Spitzhörnchen oder Tupaias, genauer gesagt das Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii) und das Gewöhnliche Spitzhörnchen (Tupaia glis). Im Verbreitungsgebiet in Südostasien besuchen die Hörnchen oft die Blüten der Palme Eugeissona tristis, deren Nektar eine der stärksten natürlichen Alkoholquellen darstellt. In den Blüten leben charakteristische Hefe-Gesellschaften, die den Nektar vergären und so Ethanol bis zu Spitzenwerten von 3,8% anreichern. Die Hefen sind z.T. schon in den Blütenständen vorhanden, ansonsten sorgen Blütenbesucher wie Insekten für deren Verbreitung. Fruchtfliegen haben z.B. immer etwas Hefe an den Füßen. Die Blüten sind regelrechte Nektarmaschinen, sie produzieren außergewöhnlich lange und viel Nektar. Der Aufbau der Blütenstände begünstigt die Gärung zusätzlich, durch kleine Hohlräume in denen sich der Nektar sammeln kann bevor er nach aussen gelangt.

Spitzhörnchen via Wikipedia/Stavenn

Spitzhörnchen via Wikipedia/Stavenn


Spitzhörnchen oder Tupaias sind übrigens eine systematisch spannende Gruppe, deren genaue Position innerhalb der Säuger lange unklar war. Mittlerweile (momentan?) hält man sie aber für die nächsten Verwandten der Primaten. Ähnlich den Tupaias stellt man sich die frühen Säuger vor, aus denen sich die heutige Vielfalt entwickelte. In der Forschung dienen sie als Stressmodell.

Die Blüten von Eugeissona tristis werden nicht nur von den Spitzhörnchen besucht. Es treffen sich noch einige Säuger am Tresen: Bananenhörnchen (Callosciurus notatus), Graue Baumratten (Lenothrix canus), Ratten (Rattus tiomanicus), Weißbauchratten (Niviventer bukit) und ein Primat, der Plumplori (Nycticebus coucang). Alle tragen vermutlich zur Bestäubung der Palmen bei – man besucht ja nicht nur eine Kneipe pro Nacht.

Sind alle diese Tiere also regelmäßig und natürlicherweise betrunken? Eher nicht.
Symptome einer Alkoholwirkung konnten bei keiner Art beobachtet werden, weder in der Motorik im speziellen noch im Verhalten allgemein. Die tatsächliche Vergleichbarkeit mit dem Menschen gestaltet sich auch schwierig, da man natürlich über den Metabolismus der verschiedenen Blütenbesucher kaum etwas weiß.

Setzt man eine dem menschlichen Organismus ähnliche Schwelle für eine Alkoholintoxikation an, so hätten die Federschwanz-Spitzhörnchen bei ihrem beobachteten Konsum eine 36% Chance auf einen ordentlichen Rausch – sie wären also jede dritte Nacht betrunken (bei den viel grösseren Loris ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer). Untersucht man die Haare der Hörnchen auf Rückstände aus dem Alkoholstoffwechsel (EtG, Ethylglucoronid), wie man es auch beim Menschen als Nachweis für chronischen Konsum tut, so findet man bei den Tupaias fast schon absurde Werte: Ptilocercus lowii erreicht im Mittel 0,5 ng/mg, Tupaia glis bringt es sogar auf 1 ng/mg. Zum Vergleich: Alkoholiker (in Behandlung) bewegen sich bei 0,030 bis 0,415 ng/mg, bei „Verstorbenen mit exzessivem Alkoholkosum“ werden 0,072 – 3,380 ng/mg erreicht. Die Hörnchen haben also ein Konsumniveau auf dem ein Menschen letztlich sterben würde. Hinzu kommt, sie leben in einer deutlich gefährlicheren Umgebung – ein kleiner Säuger mit vielen Feinden kann es sich kaum erlauben, jede dritte Nacht besoffen (und entsprechend in Aufmerksamkeit und Motorik beeinträchtigt) von Palme zu Palme zu torkeln. Es spricht also einiges dafür, dass gerade die Tupaias alkohol-metabolisch besser aufgestellt sind als der Mensch.

Natürlich schränkt die hohe metabolische Ethanol-Toleranz der Spitzhörnchen die Vergleichbarkeit mit den Menschen ein. Es zeigt sich aber gleichzeitig, dass für den Menschen berauschende Konzentrationen in der Natur sehr wohl vorkommen. Andere Säuger entwickeln spezielle Anpassungen, um diese Ressource zu nutzen, was diese Möglichkeit wiederum auch für den Menschen plausibler macht.

Wiens, F., Zitzmann, A., Lachance, M., Yegles, M., Pragst, F., Wurst, F., von Holst, D., Guan, S., & Spanagel, R. (2008). Chronic intake of fermented floral nectar by wild treeshrews Proceedings of the National Academy of Sciences, 105 (30), 10426-10431 DOI: 10.1073/pnas.0801628105

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Autor: knackbock

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