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Die Kröte ruft, der Molch hört: Heterospecific Attraction Hypothesis

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ResearchBlogging.orgZunächst ist es nötig, mit einem gängigen Irrtum aufzuräumen: Molche und Salamander sind nicht taub! Sie haben zwar keine äußerlich sichtbaren Ohren und auch kein Mittelohr, das bedeutet aber noch lange nicht dass sie im eigentlichen Sinne taub sind. Ein Innenohr mit entsprechenden Strukturen besitzen sie nämlich trotzdem. Der Schall findet einfach andere Wege zu den Rezeptoren: Über Schädelknochen (genauer gesagt das Squamosum), über die Vorderextremitäten (ein ‚Knöchelchen‘, das Operculum, ist mit dem Schultergürtel verbunden) oder über die Lunge (sofern sie denn eine haben, die artenreichste Gruppe der Schwanzlurche sind nämlich die lungenlosen Salamander der Familie Plethodontidae). Die verschiedenen Methoden der Schallaufnahme können durchaus als Spezialisierung für verschiedene Arten von Schall interpretiert werden, so dient die Rezeption über die Vordergliedmaßen als Spezialisierung für Substratschall. Das „Lungenhören“ wird übrigens als die ursprüngliche Form des Hörens innerhalb der Tetrapoda diskutiert.

Nachdem das mal klargestellt ist, widmen wir uns nun der „heterospecific attraction hypothesis“ (HAH). Diese hat etwas mit Nutzung und Auswahl von Ressourcen, etwa eines Habitats zu tun. Die Frage, wo man sich zum Beispiel zum Nestbau niederlässt, hat ja logischerweise weitreichende Konsequenzen und jeder möchte selbstredend ein möglichst optimales Umfeld. Die Frage ist nun, wie man die Qualität des Habitats nun bewertet bzw welche Faktoren man dazu heranzieht, insbesondere vor dem Hintergrund von Konkurrenz und Zeitdruck. Eine einfache und naheliegende Strategie ist zu gucken, was machen meine Artgenossen.Das liefe dann unter „inadvertent social information“ (ISI). Interessanter wird es, wenn Tiere Informationen von anderen Arten heranziehen, und damit wären wir beim H aus HAH.

Die bekanntesten Beobachtungen dazu stammen von Vögeln. Heimkehrende Zugvögel stehen jedes Jahr wieder vor der Entscheidung ein möglichst optimales Revier zu besetzen. Jeden Baum in einem in Frage kommenden Waldstück einzeln zu betrachten erscheint mühsam, einfacher ist es dagegen auf die Anwesenheit einiger Standvogel-Arten mit ähnlichen Ansprüchen wie den eigenen zu achten: Sind diese zugegen, und es reicht ja wenn man sie hört, ist dies ein Hinweis auf eine ausreichende Lebensgrundlage.

Während dieser Mechanismus bei Vögeln schnell einsichtig und plausibel scheint, stellt sich die Frage ob er nicht auch bei anderen Tieren zum tragen kommt. Zumal auch Amphibien einige der Voraussetzungen für einen adaptiven Wert der HAH erfüllen: Sie migrieren zu ihren Brutgebieten, müssen für maximalen Erfolg optimale Gewässer aussuchen und teilen sich mit diversen anderen Spezies das Brutgewässer. Arten die zuerst eintreffen bzw zuerst mit der Fortplanzung beginnen, können dabei als Stand-Arten („residents“) gelten, zumindest aus Sicht der später eintreffenden Spezies.

Ein Teichmolch im Laichgewässer.

Genau wie bei Vögeln bietet sich akustische Information als Quelle an, und diese wird ja von den Fröschen und Kröten bereitwillig und weithin hörbar produziert. Je nach Art sind sie auch die ersten Amphibien im Jahr die zur Fortpflanzung schreiten und damit den später eintreffenden Arten Informationen liefern können. Zu diesen gehören verschiedene Molche, unter anderem der Teichmolch (Lissotriton vulgaris). Wenn die Teichmolche sich auf den Weg in ihre Laichgewässer machen, sind Arten wie die Erdkröte (Bufo bufo) oder die Wechselkröte (Bufo viridis) schon fleissig zu Gange. Die Erdkröten bevorzugen wie die Teichmolche dauerhafte Gewässer, während die Wechselkröten eher flache, periodische Laichgewässer bevorzugen. Wenn sich der Teichmolch also auf den Weg zum Gewässer macht, wäre er gut beraten den Rufen der Erdkröte zu folgen, nicht unbedingt aber den Rufen der Wechselkröte, zumindest wenn er die Wahl zwischen beiden haben sollte.

Entsprechend müssten die Teichmolche also die Rufe der Kröten zum einen wahrnehmen und zum anderen unterscheiden können. Das ist nun eine empirische Frage, und keine allzu komplizierte dazu. Forscher um Fabio Pupin haben also einige Teichmolche auf ihrem Weg zum Laichgewässer abgefangen und sich eine CD mit Namen „Au pays des grenouilles – Frog talk“ besorgt (hier erhältlich). Dann braucht man noch eine kleine Test-Arena, dazu zwei Lautsprecher. Man spielt die Gesänge der Kröten an gegenüberliegenden Seiten der Arena ab und testet die Reaktion bzw. die Orientierung der Molche. Damit man die auch nachvollziehen kann, wird der Arena einfach mit vielen kleinen Tropfen besprüht, den Testmolch setzt man dann in die Mitte. Nach Ende des Durchgangs mit den unterschiedlichen Beschallungen kann man dann anhand der Spur, die der Molch in den Tröpfchen hinterlassen hat, seine Bewegungen nachvollziehen.

Tatsächlich reagieren die Molche sowohl auf die Rufe der Erdkröte als auch die der Wechselkröte und bewegen sich in die Richtung der Rufe. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, zeigt eine rufende Kröte doch sicher ein Gewässer an, und ein solches muss ja schließlich gefunden werden. Haben die Molche jedoch die Wahl zwischen Erd- und Wechselkröte, orientieren sie sich bevorzugt zur Erdkröte, wie anhand der Präferenzen vorhergesagt. Molche können also zum einen hören, und zwar gut genug um verschiedene Krötenarten anhand ihrer Rufe auseinander zu halten, und zum andern nutzen sie darin enthaltene Informationen für ihre Suche nach dem optimalen Laichgewässer!

Pupin, F., Sacchi, R., Gentilli, A., Galeotti, P., & Fasola, M. (2007). Discrimination of toad calls by smooth newts: support for the heterospecific attraction hypothesis Animal Behaviour, 74 (6), 1683-1690 DOI: 10.1016/j.anbehav.2007.03.020

Siehe auch:
Hetherington, T. E. 2001. Laser vibrometric studies of sound-induced motion of the body walls and lungs of salamanders and lizards: implication for lung based hearing. Journal of Comparative Physiology, 187A, 499-507.

Diego-Rasilla, F. J. & Luengo, R. M. 2004. Heterospecific call recognition and phonotaxis in the orientation behavior of the marbled newt, Triturus marmoratus. Behavioral Ecology and Sociobiology, 55, 556-560.

Diego-Rasilla, F. J. & Luengo, R. M. 2007. Acoustic orientation in the palmate newt, Lissotriton helveticus. Behavioral Ecology and Sociobiology, 61, 1329–1335.

Autor: knackbock

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