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The world shall perish not for lack of wonders, but for lack of wonder – JBS Haldane

Interspezifische Koprophagie: Der Latrinentaucher ist kein Vogel

Ein Kommentar

ResearchBlogging.orgDie Latrine in der tropenökologischen Forschungsstation ‚Estacion Biologica Quebrada Blanco‘ ist nicht nur eine Unisex-Latrine, sondern sogar eine Unispezies-Latrine. Sie wird von zwei grösseren Säugern genutzt. Allerdings ist die Nutzung diametral unterschiedlich: Die Erbauer der Latrine, Primaten der Gattung Homo, nutzen sie zum Koten und Urinieren. Soweit keine Überraschung.

Es gibt jedoch noch einen zweiten Nutzer: Choloepus didactylus, das Zweifinger-Faultier. Und diese nutzen die Latrine der Forschungsstation zur Nahrungsaufnahme. Ich wiederhole das gerne: Die Faultiere klettern in die Latrinengrube und essen von der … Masse, die sich in der Grube befindet.

The first observation of the unusual feeding habit took place on 3 November 2001. At around 2000h, a sloth was detected hanging underneath the wooden bars of our latrine. It was scooping with
one hand from the semi-liquid manure composed of faeces, urine and toilet paper and then eating from the hand.

Und offenbar handelt es sich keinesfalls um einen Einzelfall oder ein einziges, verwirrtes Individuum.

Since this first observation, we obtained more than 25 additional records of sloths visiting and feeding in the latrine until 2007 when the latrine was fenced with wire mesh. These records include single individuals as well as mothers with a baby.

Ein Schwein... oder doch nicht?

Ein Schwein... oder doch nicht?

Wie es sich für ordentliche Forscher gehört, hat man sich auch bei dieser ungewöhnlichen Beobachtung gefragt, warum die Tiere das eigentlich tun. Die Forscher nennen drei Möglichkeiten.
Die erste ist auch die offensichtlichste: Das Verhalten der Faultiere ist genau das, wonach es aussieht. Sie fressen Exkremente, weil die nahrhaft sind. Dieses Verhalten ist durchaus auch von anderen Tieren bekannt.
Die zweite Möglichkeit hebt auf Mineralien oder Salze aus dem menschlichen Urin ab. Insbesondere für reine Pflanzenfresser kann die Verfügbarkeit von Natrium ein Problem darstellen, und der menschliche Urin enthält um 350mg Natrium-Ionen pro ml.
Die letzte Möglichkeit ist der ersten ähnlich, allerdings ginge es in dieser Variante nicht um die menschlichen Hinterlassenschaften, sondern um die darin lebenden Insektenlarven. Wozu man aber anmerken muss, das Faultiere bisher nur in Gefangenschaft tierische Nahrung zu sich genommen haben; aus freier Wildbahn existiert darüber kein Beleg.

Was auch immer die Motivation der Faultiere fürs Latrinentauchen ist – sollte es sich nicht um eine isolierte Gruppe mit merkwürdigen Sitten handeln, dann hat dieses Verhalten vielleicht weitreichendere Auswirkungen auf die Übertragung von Krankheiten und Parasiten. Sowohl von Mensch zu Mensch als auch von Mensch zum Tier. Denn was ihre pflanzliche Nahrung angeht, sind Faultiere nämlich auch nicht allzu zu wählerisch. Sie kommen mit den Blättern von wenigen Baumarten aus, unter denen sich auch einige Pionierarten befinden. Daher sind sie keinesfalls auf ungestörten Primärwald angewiesen, sondern können problemlos auch in landwirtschaftlich genutzten Gebieten überleben, also in der Nachbarschaft von menschlichen Siedlungen.

Leider wird die Motivation der latrinentauchenden Faultiere wohl so schnell nicht geklärt werden, zumal mit dem Forschungsgebiet sicherlich ein gewisses Stigma verbunden ist. Und man müsste das ganze natürlich aus ‚Enthusiasmus‘ betreiben, denn Geld wird es wohl dafür nicht geben – obwohl ich den Drittmittel-Antrag gerne sehen würde!

Heymann, E., Flores Amasifuén, C., Shahuano Tello, N., Tirado Herrera, E., & Stojan-Dolar, M. (2011). Disgusting appetite: Two-toed sloths feeding in human latrines Mammalian Biology – Zeitschrift für Säugetierkunde, 76 (1), 84-86 DOI: 10.1016/j.mambio.2010.03.003

We thank all persons who reported their encounters with sloths at the EBQB latrine and hope they will be less shocked next time.

Autor: knackbock

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