KnackBockBlog

The world shall perish not for lack of wonders, but for lack of wonder – JBS Haldane

Entzugserscheinungen oder: Notizen aus dem Tal der Ahnungslosen

2 Kommentare

Die philosophische Fakultät der Uni Düsseldorf hat der Bildungsministerin den Doktorgrad aberkannt. Nach eingehender Prüfung, wohlgemerkt. Um so erstaunlicher wirken nun die Stimmen, die sich aus den Reihen etablierter Zeitungen erheben – und gegen die Entscheidung der Uni argumentieren. Was man natürlich gerne tun kann, aber betrachtet man die „Argumente“, so kommt man ins Staunen.

Richten wir unseren Blick zunächst auf die Frankfurter Allgemeine. Hier geht man noch einigermassen konform mit dem Enzug des Doktors, bemängelt allerdings Ungerechtigkeit, denn:

Die Frage ist nur, wie vielen anderen auch der Doktorgrad aberkannt werden müsste, wenn ihre Dissertation überprüft würde. Darin liegt die Ungerechtigkeit der Plagiatsprüfung in den Dissertationen von Politikern.

Ah ja… weil es noch viele andere ungerechtfertigte Doktoren gibt, ist es ungerecht, der einen erwischten den Doktor zu entziehen. Also „alle oder keiner“, und da man alle wohl niemals erwischen wird, dann lieber keiner? Wer mag und geistig ausreichend gerüstet ist, darf an dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment wagen und für „Plagiat in der Dissertation“ mal eine andere Missetat einsetzen. Vielleicht macht das ganze dann mehr Sinn; ich bitte zu berichten.

Begeben wir uns nun in den Süden der Republik, nach München. Bei der Süddeutschen fallen deutliche Worte: „Warum der Titelentzug nicht richtig ist„. Zum Glück braucht es keinen langen Text um das herzuleiten, auch Argumente braucht es nur zwei:

Die Entscheidung ist juristisch vertretbar, dennoch ist sie nicht richtig. Zum einen war die Causa Schavan ein Grenzfall, das zeigt schon die lange Prüfung durch die Universität. Und das zeigt der Streit, den die Vorwürfe unter Wissenschaftlern entfacht haben. Zum Zweiten lag das Fehlverhalten der jungen Annette Schavan mehr als 30 Jahre zurück. All das hätte man berücksichtigen, die Zitierfehler rügen – und es dabei belassen können.

Interessant! Inwieweit die Dauer der Prüfung ein Argument für einen Grenzfall oder sonstwas ist, bleibt zumindest fraglich. Man könnte ja, insbesondere vor dem Hintergrund der exponierten und einflussreichen Position der Betroffenen, auch besondere Sorgfalt in Betracht ziehen. Wenn man denn wollte. Oder diese Möglichkeit argumentativ ausschließen. Wenn man denn könnte (die Frage, ob bei einem Grenzfall eine Entscheidung richtiger als die andere sein kann, lassen wir mal aussen vor).

Leider ist das zweite Argument nicht besser bzw ich erkenne keins. Was macht das für einen Unterschied wie lange das her ist? Wird die Arbeit dadurch besser? Sie genügt nicht den wissenschaftlichen Standards und hat das auch vor 30 Jahren nicht getan. Auf die Zitierfehler kommen wir später nochmal zurück. Was das Berücksichtigen dieser Argumente betrifft, so äussert sich der Fakultätsrat dazu:

Anschließend hat der Fakultätsrat alle Argumente gründlich gewürdigt, die zugunsten der Betroffenen anzuführen sind. Insbesondere gehören hierzu

der langen Zeitabstand, der seit der Anfertigung der Arbeit verstrichen ist,
sowie der Umstand, dass die Betroffene neben ihrer Promotion über keinen anderen Studienabschluss verfügt.

Auf der Gegenseite waren dagegen insbesondere festzuhalten,

die Qualität sowie der Umfang der festgestellten Plagiatsstellen und
das öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbs.

Hat man also getan. Nur ist das zuständige Fachgremium eben zu einem anderen Schluß gekommen. Vielleicht durch die lange und gründliche Auseinandersetzung mit dem Problem?

Schließen wir unseren Rundblick bei der Zeit. Nachdem di Lorenzo seinerzeit dem bekanntesten Dr.Strg-C ein schönes Forum bot, darf man hier wohl keine allzu kritisch Haltung erwarten. „Bloß nicht zurücktreten!“ heisst es hier. Der Autor bringt es in wenigen Zeilen auf den Punkt:

Doch Schavan hat keine Straftat begangen. Sie hat ein paar Anführungszeichen ausgelassen, im schlimmsten Fall mit Absicht, um ihre Arbeit ein bisschen besser erscheinen zu lassen.

Das mit der Straftat mag stimmen, vielleicht aber auch nicht. Immerhin hat sie eidesstattlich versichert, keine anderen als die angegeben Hilfsmittel verwendet zu haben (wie übrigens jeder Doktorand. Kann man wissen, wenn man über so etwas schreibt, muss man aber nicht). Kleiner Hinweis an die Zeit: In einer geisteswissenschaftlichen Doktorarbeit darf man unter „Hilfsmittel“ neben Papier und Bleistift gerne auch Literatur verstehen; ein konfokales Laser-Mikroskop dürfte die Ausnahme sein. Die verwendete Literatur muss man in der Dissertation angeben, Experten sprechen von sogenannten Quellen. Die wiederum müssen alle genannt werden, eben damit man die Leistung des Kandidaten von den verwendeten Quellen unterscheiden und somit überhaupt erst bewerten kann.

Und hier kommen wir zu den „paar ausgelassenen Anführungszeichen“ zurück. Gemeint ist letztlich dasselbe wie mit „Zitierfehlern“ bei denen man es „bei einer Rüge belassen“ hätte können. Das suggeriert, die Urheber der Textstellen seien immer genannt worden, lediglich textliche Formalien, etwa fehlende Anführungszeichen, seien zu bemängeln. Das ist falsch. Ganz wesentlicher Kritikpunkt an der Dissertation sind Stellen, in denen die tatsächliche Herkunft verschleiert wird und die tatsächlichen Urheber in der ganzen Arbeit nicht genannt werden. Und genau damit wird eine fremde Leistung als die eigene ausgegeben.
Das kann man, wenn man sich die Mühe von etwas Recherche macht (sofern man dieses hochtrabende Wort an Stelle von ‚googlen‘ gelten lassen möchte), zum Beispiel in der Presseerklärung des Fakultätsrats lesen (Hervorhebung durch mich):

Der Fakultätsrat hat sich nach dieser grundsätzlichen Klärung in seinen Beratungen nach gründlicher Prüfung und Diskussion abschließend die Bewertung des Promotionsausschusses zu eigen gemacht, dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte.

Und wer ein allzu skeptischer (oder gründlicher?) JournalistGeist ist, der kann noch weiter nachforschen und dann sogar die konkrete Analyse der Dissertation finden (und sogar runterladen). Und zwar inklusive genauer Auflistung von Plagiaten und Originalen sowie der verschiedenen Arten von Plagiaten (sie erfindet sogar eine „Phantompublikation“!):

schavanplag

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Autor: knackbock

Vielseitig

2 Kommentare zu “Entzugserscheinungen oder: Notizen aus dem Tal der Ahnungslosen

  1. Interessant, interessant! Frau Schavan hat tatsächlich keinen anderen Abschluss als eine Promotion? Wie geht denn so was!?! o_O
    Ich frage mich bei diesen ganzen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern, warum die oft fremde Quellen als ihre eigenen ausgeben. Ich meine, bei uns in den Naturwissenschaften würde das sofort auffliegen. Ich hab ja damals schon „Anschiss“ bekommen, wenn ich trotz Quellenangabe den exakten Wortlaut aus dem Strasburger für einen Praktikumsbericht abgeschrieben habe. Die kannte das Buch schon auswendig und wollte wahrscheinlich mal was Neues hören… 😉
    Unabhängig davon verwenden wir die Quellen doch, um die Ergebnisse der eigenen Arbeit mit Erkenntnissen aus anderen Arbeiten zu untermauern. Das Prinzip sollte doch überall dasselbe sein, oder? Natürlich haben die Geistes-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern keine Labor- oder Freilandexperimente aufzuweisen, aber man kann ja trotzdem alles mit Quellen belegen, sofern man bei den entprechenden Stellen überhaupt Auskunft erhält.
    Ich frage mich allen Ernstes, was denn wohl die Kriteren für gelungene Doktorarbeiten auf diesen Gebieten sind, denn den werten Doktorvätern und -müttern haben die Arbeiten von Schavan & Co. ja gefallen. Wieso wird da eigentlich nicht mal nachgefragt, was mit denen los ist?

  2. Die direkte Promotion ist wohl eine Besonderheit der Uni und des Fachbereichs.
    Und die Leistung einer geisteswiss. Arbeit ist ja eine sprachlich vorgebrachte Analyse – wenn man da woanders eine tolle, besonders prägnante liest, ist die Versuchung wohl groß das als eigene Leistung auszugeben… blöd nur wenn man nichtmal die Sätze etwas umformt…

    Die Doktor“eltern“ sind in der Tat ein Aspekt der deutlich zu kurz kommt. Die kommen ihren Pflichten oft eben nicht nach, aus diesen Reihen rekrutieren sich aber dann auch die Untersuchungsausschüsse – und die haben dann sicher kaum Interesse das eigene Versagen ins Rampenlicht zu stellen. Eine Krähe usw…

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